WILHELM KALTENBORN

zur Ausstellung von Monika Ratering

"Zwischen Wasser und Land"

GALERIE KONVEX 99

CHEMNITZ

Wer Monika Raterings Gemälde mit der Kunst des Zen in Verbindung bringt, ist sogleich mit erheblichen Sprachschwierigkeiten konfrontiert. Denn die Begriffe des Zen lassen sich nicht umstandslos in den Kunstdiskurs des Westens übersetzen, obschon sie durch Mark Tobey in den vierziger Jahren ohne sprachliche Verrenkungen übernommen worden sind und als „Voraussetzung“ das im deutschen Sprachraum äußerst einflußreiche Werk des Kunsthistorikers Bernhard Kerber über die „Amerikanische Kunst seit 1945“ eröffnen. Doch wir wissen nicht, was mit „kosmischem Geist“ gemeint ist. 

INNERE LANDSCHAFTEN. Der Strich des Pinsels in der Hand der Malerin ist in den letzten Jahren vorsichtiger, suchender, tastender geworden und der Rhythmus der Akzente wichtiger als die sich daraus bildende Farbmeldodie. Dabei fällt es schwer, sich mit dem Blick auf einem Strich auszuruhen. Einer weist auf weitere, provoziert wechselnde optische Einstellungen und ist immer Anfang, ohne Ende. Wie D. T. Suzuki kann die Malerin sagen: „Wer überlegt und den Pinsel bewegt, mit der Absicht ein Bild zu schaffen, wird die wahre Kunst der Malerei verfehlen. Was heisst das? Die Malerin läßt Anklänge an Landschaften entstehen, deren Weite sich aus den Rhythmen konstruiert, die sich aus den Farbakzenten ergeben. Es ist ein Vorgehen, das sich auf eine punktuelle Perspektive verlässt und Schritt für Schritt und en détail voranschreitet, ohne das Ganze zu kennnen. Irgendwann - die Malerin, weiß zuvor nicht wann, denn die Gemälde beanspruchen ihre eigene Zeit, die entsprechend dieses wesentlich intuitiven Vorgehens weder planbar ist noch zu berechnen - erscheint im Auge der Malerin - mal beim Zurücktreten, mal beim Neuansetzen - das Bild als Ganzes und ist fertig. Die Farbakzente sind in ein Bild umgeschlagen. Es hat im Idealfall gerade so viele Striche, dass die Vorstellung eines Bildes sich einstellen kann: ein Feld aus Farbprtikeln auf weißgrundierter Leinwand, das mehr evoziert als tatsächlich im Bild faktisch nachgewiesen werden kann. Wer die Bilder

betrachtet, der produziert sie mit.

SPONTANITÄT. Zen Meister Hsieh Ho (um 500 n. Chr.) nennt als erste Forderung an den bildenden Künstler „dem kosmischen Geist in seiner rhythmischen Bewegung Ausdruck zu geben“. Sechs Jahrhunderte später fügt der Zen Meister Kuo-Yo-hsü in einem Kommentar dieser Stelle hinzu, der kosmische Geist sei zwar jedem Menschen gegeben, habe jedoch nichts mit erlernbarem handwerklichem Geschick zu tun, sondern müsse als Gestimmtheit und seelische Temperatur erkannt und als Kraft aktiviert werden. Der kosmische Geist wird als Quelle im Inneren des Menschen verstanden und hat seinen besten Mitspieler in der Doppelbedeutung des Begriffs Spontanität. Spontanität entspringt der lateinischen Sprache und meint einerseits „selbstläufig“ und „selbsttätig“, andererseits „direkt“ und „unmittelbar“. In diesem Sinne äußert sich der kosmische Geist. Und es hilft ihm, wenn die Spontanität, die ihn befördert handwerklich geschickt und versiert genug ist, um diese Selbstläufigkeit als Spur zu hinterlassen und Zeugnis davon zu geben, daß es diese Art der Gestimmtheit gibt, daß sie da gewesen war und daß sie Formen bildet, die sich in der Wiederholung erneuern.

Spontanität hat in diesem Sinne jedoch nichts mit Schnelligkeit zu tun, sondern mit einem in sich geschlossenen Lauf, einer in sich vollendeten Geste, deren Anfang und Ende gleichwohl im Ungefähren bleibt.

 

DIE MALERIN ALS MEDIUM. Wer das Bild und seine Herstellung so zwangsläufig an die eigene Befindlichkeit bindet, darf sich nicht im Wege stehen. Er muß sich zum Medium zwischen jenem quasi-objektiv gegebenen kosmischen Geist und der Leinwand machen, eins werden mit der Spontanität. Aus der Kraft im Moment des Malens entsteht das Bild, das letztendlich als Abbild eben dieses Moments erscheint. Und was es abbildet, ist in ganzer Reinheit nicht vorher-gewußt.

 

„Laß die Natur dein Werk übernehmen". (...)

Das ist nicht leicht zu erreichen, aber in einer

hochindustrialisierten Wettbewerbsgesellschaft könnte es ein gutes Gegengewicht bilden,“schreibt Mark Tobey in einem Aufsatz 1962 und fügt hinzu„ Nicht die Suche nach schöner Zeichenkunst oder subtiler Farbe (...) sondern Unmittelbarkeit des Geistes wird für uns ein neuer Gesichtspunkt sein, da die Künste im Osten und Westen enger zusammenwachsen.“ Die Geschichte hatte sich anders entwickelt, doch die Ideen blieben erhalten.

Bisweilen fügt die Malerin drei Hochformate nebeneinander, um die Weite des Blicks zu intensivieren. Bisweilen ließe sich ein Hochformat auf den Kopf stellen, ohne dass es dadurch als verkehrt herum erschiene. Die Vorstellung einer Landschaft stellt sich dennoch ein. Denn Monika Ratering bildet nicht Landschaften ab, sondern sie malt die Idee von Landschaft und Meer, von Küstengebieten, die karg in der Zeichnung erscheinen, doch aus ihrem Innern leuchten.

 

Die Malerin nimmt sich keine Bilder vor und es gibt auch keine bewußten Vorbilder außerhalb ihrer selbst. Doch ihre Bilder stehen für einen nachhaltigen Impuls, Spuren zu hinterlassen und von einer Tätigkeit Zeugnis zu geben, die erkennen lässt, dass sie der Malerin zur persönlichen Vervollkommnung dient. Die Bilder sind Instrumente, um der kosmischen Kraft einen Ort der Sichtbarkeit zu geben und darin findet sich die Malerin selbst als Medium, das sich mitreissen läßt.

Anmerkungen

1) Bernhard Kerber: Amerikanische Kunst seit 1945. Ihre theoretischen Grundlagen. Stuttgart 1971

2) zitiert nach Bernhard Kerber, a.o.O.S. Seite 14

3) ebd. Seite 19

4) Mark Tobey: Präliminarien einer neuen Kunst; in Jürgen Claus: Malerei als Aktion, Frankfurt/Main, Berlin 1986; Seite 90

5) ebd.

Zur Ausstellung erschien ein Katalog, 

Moskau, 2000